Fokusthemen

Ernährung bei Lungenkrebs

Ulrike Müller ist Diplom-Oecotrophologin am St. Elisabethen-Krankenhaus Frankfurt/Main und
berät Lungenkrebspatienten in Fragen der Ernährung. Im Interview erklärt sie, worauf Patienten achten sollten und wie sie während der Therapie bei Kräften bleiben.

Frau Müller, welche Rolle spielt die Ernährung bei Krebspatienten?
Eine Krebserkrankung kann die Ernährung auf unterschiedliche Weise beeinflussen. Häufig fehlt der Appetit oder die Betroffenen fühlen sich beim Essen rasch gesättigt. Sowohl die Erkrankung an sich als auch die Therapie führen oft zu einer Mangelernährung. Daher gilt: Je besser der Patient mit Energie- und Nährstoffen versorgt ist, desto besser verkraftet er die Behandlung. Außerdem wissen wir, dass eine gute Ernährung die Nebenwirkungen einer Therapie, etwa die Übelkeit bei einer Chemotherapie, verringern kann. Manche Behandlungen sind sowieso nur bei ausreichend ernährten Patienten möglich. Ein Lungenkrebspatient, der untergewichtig ist, erhält mitunter nicht die volle Chemotherapie, sondern nur eine reduzierte Form.

Was verstehen Sie denn unter einer guten Ernährung?
Wichtig ist, während der Therapie bei Kräften zu bleiben, um Gewichtsverlust und Mangelernährung zu vermeiden. Ich bin kein Freund von Ge- oder Verboten. Grundsätzlich empfehle ich eine Kost, die reich an Gemüse, Obst und fettreichem/Omega-3-Fettsäure-haltigem Fisch (Lachs, Hering, Makrele, Thunfisch) bzw. Omega-3-Fettsäure-reichen Ölen (Raps-, Walnuss-, Leinöl) sowie Walnüssen ist. Das stärkt das Immunsystem und kann helfen, das Infektrisiko zu senken. Tumorpatienten sollten sich zudem eiweißreicher ernähren als Gesunde, weil sie einen erhöhten Eiweißumsatz haben und sonst möglicherweise Muskeln abbauen. Zu berücksichtigen sind aber immer auch individuelle Beschwerden (z.B. Laktoseintoleranz, Fructosemalabsorption oder Zöliakie) und durch die Erkrankung oder Therapie entstandene Beeinträchtigungen (z.B. Einschränkungen beim Kauen oder Schlucken). Insofern gibt es keine Pauschalrezepte für gute oder schlechte Ernährung. Erlaubt ist, was dem Patienten gut schmeckt und was er gut verträgt.

Immer wieder tauchen in den Medien Berichte auf, dass eine Krebserkrankung verhindert oder sogar geheilt werden kann, wenn die Betroffenen auf bestimmte Lebensmittel verzichten. Was halten Sie davon?
Wir raten von derartigen Krebsdiäten – zum Beispiel das komplette Weglassen von Kohlenhydraten – konsequent ab, da es bisher keine wissenschaftlichen Belege für deren Wirksamkeit gibt. Das ist übrigens auch der Standpunkt der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGE). Diäten und besonders Fastenkuren führen häufig zum Verlust wichtiger Körperreserven. Gesunde Menschen können durchaus einige Tage auf Nahrung verzichten, aber der Körper eines Krebspatienten ist per se schon sehr geschwächt. In dieser Phase zu fasten und dem Körper noch mehr Energie und Nährstoffe zu entziehen, ist gefährlich. Die bedarfsgerechte Ernährung hat immer Vorrang vor dem Problem des Tumorwachstums. Versuche, den Tumor „auszuhungern“, können also durchaus schädlich sein. Selbst Übergewichtige sollten auf keinen Fall hungern. Sie dürfen zwar kontrolliert abnehmen, sollten aber stets dafür sorgen, dass sie alle wichtigen Nährstoffe, besonders Eiweiß, zu sich nehmen.

Ist für Lungenkrebs-Patienten eine Ernährungsberatung sinnvoll?
Ich sehe eine Ernährungsberatung für die meisten Menschen als sinnvoll an, denn nur in einem gesunden Körper wohnt auch ein gesunder Geist. Patienten mit einer schweren Erkrankung sollten daher nach meinem Dafürhalten immer die Möglichkeit einer Ernährungsberatung bekommen. Nur aufgeklärte Patienten haben eine Wahl. Eine frühzeitige Beratung ist dabei besonders wichtig. Die Betroffenen sollten ihre Alternativen schon früh kennen. Akuten Beratungsbedarf sehe ich bei Krebspatienten mit ungewolltem Gewichtsverlust – auch bei adipösen Patienten. Ebenso ist eine Beratung durch eine qualifizierte Fachkraft sinnvoll, wenn wir bei dem Betroffenen aufgrund der geplanten Krebstherapie eine Mangelernährung befürchten.

Welche Alternativen hat ein Krebspatient, wenn er einfach keinen Appetit hat oder kaum etwas herunterbekommt?
Trinknahrung ist besonders geeignet für Patienten, die über normale Lebensmittel oder angereicherte Speisen mit Butter, Öl, Sahne oder Nüsse nicht die notwendige Kalorienzahl erreichen. Wir Fachleute bezeichnen die Trinknahrung als „orale bilanzierte Diät“. Umgangssprachlich ist sie vielen als „Astronautenkost“ bekannt. Wenn ein Patient zum Beispiel beim Frühstück nur wenige Bissen herunterbekommt, empfehle ich ihm, im Anschluss Trinknahrung zu sich zu nehmen. Sie wird in verschiedenen Geschmacksrichtungen angeboten. So erhält er pro Drink zusätzlich 200 bis 400 Kalorien und ist gut versorgt. Wer nicht so viel trinken mag, kann die Zusatznahrung auch als Pulver unter die Lebensmittel mischen. Bei Patienten, die schon zur Chemotherapie einen Port gelegt bekommen haben, können wir diesen Zugang ebenfalls zur heimparenteralen Ernährung nutzen. Per Infusion gelangen Nährstoffe und alle anderen lebenswichtigen Substanzen direkt ins Blut. Es besteht also die Möglichkeit, die normale Ernährung mit Trinknahrung, Pulver und/oder einer parenteralen Ernährung zu kombinieren. Ich habe schon häufig erlebt, dass Patienten, die nachts zusätzlich künstlich über den Port ernährt wurden, schnell wieder zu Kräften kommen und nach einigen Wochen wieder besser essen können.

Übernehmen die Krankenkassen die Kosten für die Ernährungsberatung und die Zusatznahrung?
Viele Kliniken halten eine eigene Fachkraft für Ernährungsfragen vor. Sie berät die Patienten kostenlos. Außerhalb des Krankenhauses werden die Kosten für eine Ernährungsberatung von den meisten Krankenkassen bezuschusst. Sie erstatten ebenfalls zusätzliche Trink- und Sondennahrung, wenn diese vom Arzt verordnet wird.

Ernährungsberaterin Ulrike Müller hat Tipps zu den häufigsten Fragen ihrer Patienten zusammengetragen.

1. Was hilft gegen meinen ungewollten Gewichtsverlust und meine Appetitlosigkeit?

  • Frische Kräuter wie Schnittlauch, Petersilie oder Koriander an die Speisen geben
  • Kümmel verwenden
  • leicht gekühlte Apfelschnitze ca. 10 Min. vor der Mahlzeit essen
  • Salbei- oder Bitterklee-Tee trinken
  • Wermut (Likörwein)
  • ggf. ein kleiner Aperitif (z.B. trockner Sherry, trockner Wein)
  • in Gesellschaft essen

2. Was kann ich – abgesehen von Tabletten – gegen die Übelkeit tun?

  • Toast oder Zwieback nüchtern kauen
  • Ingwertee (1 TL grob geraspelter Ingwer mit 150 ml kochendem Wasser überbrühen, 10-15 Min. ziehen lassen
  • kalte und lauwarme Speisen bevorzugen
  • leichte, fettarme und mild gewürzte Speisen (auf mehrere Mahlzeiten verteilen) bevorzugen
  • langsam essen und gut kauen
  • Salziges: Kräcker, Salzstangen, Salzgebäck
  • Fruchtdrops oder Pfefferminzbonbons lutschen

3. Wie bekomme ich Verdauungsprobleme in den Griff?

  • ausreichend Gemüse und ungeschältes Obst in den Speiseplan einbauen, am besten in Kombination mit
  • Naturjoghurt oder einem Sauermilchprodukt (z.B. Butter- oder Dickmilch)
  • möglichst auf Schokolade oder Kakao verzichten
  • ggf. lösliche Ballaststoffe (Probiotika) als Abführmittel einsetzen
  • auf ausreichend Flüssigkeit achten
  • ggf. Bauchmassage im Uhrzeigersinn, um Darmtätigkeit anzuregen
  • Bewegung steigern

Bei Durchfall:

  • ausreichend trinken (Wasser oder schwarzen Tee mit 15 Min. Ziehdauer)
  • Fleisch- oder Gemüsebrühen
  • ggf. Zufuhr von Elektrolyten (z.B. Elotrans, Oralpädon)
  • nicht sehr reife (grüne), pürierte Bananen
  • fein geriebener Apfel
  • Karottenmus (ggf. mit Reisflocken mischen)
  • Hafer-, Reisschleimsuppe, Karottensuppe (auf reichlich Salz achten!)
  • getrocknete Heidelbeeren
  • Muskat als Gewürz verwenden (z.B. an Kartoffelbrei geben, da es die Transportgeschwindigkeit durch den Darm reduziert)
  • Leinsamentee (1-2 TL Leinsamen mit kochendem Wasser übergießen, 10 Min. ziehen lassen und gelegentlich umrühren; die in Leinsamen enthaltenen Schleimstoffe heilen einen gereizten Magen-Darmtrakt)
  • ggf. Einsatz von löslichen Ballaststoffen (Probiotika)
  • auf blähendes Gemüse (z.B. Wirsing und andere Kohlsorten, Lauch, Sellerie) verzichten
  • nicht mit scharfen Gewürzen und Kräutern kochen (Chili, Pfeffer, Curry, Knoblauch, Meerrettich, Lakritz)

4. Wie bekommt das Essen wieder Geschmack?
Experimentieren Sie mit Kräutern und Gewürzen:

  • frische Kräuter wie Schnittlauch, Petersilie oder Koriander
  • Kräutersalz
  • Zwiebelsalz
  • Sojasoße, z.B. zum Marinieren von Fleisch und Fisch

5. Wie soll ich reagieren, wenn meine Familie mich zum Essen zwingt und mir immer wieder sehr große Portionen vor die Nase stellt?

  • Sprechen Sie offen mit Ihrer Familie über das Problem und geben Sie immer nur kleine Portionen auf den Teller.
  • Außerdem helfen diese Tipps:
  • Snacks zwischen den regulären Mahlzeiten: Käsewürfelchen oder Nüsse in greif- und sichtbare Nähe stellen
  • starke Essensgerüche durch gutes Lüften vermeiden, da viele Patienten sehr geruchsempfindlich sind

6. Was hilft bei Schleimhautentzündungen?

  • Tees: Salbei, Kamille oder Pfefferminze
  • Reichlich Milch und Milchprodukte