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Interview zu Fatigue bei Lungenkrebs

Dauernd müde, schlapp und weniger leistungsstark, Probleme beim Konzentrieren oder der ständige Wunsch nach Ruhe – Fatigue hat viele Gesichter. Diese unterscheiden sich jedoch von gewöhnlicher Erschöpfung, wie sie etwa nach anstrengenden Tätigkeiten auftritt. Nahezu jeder Krebspatient ist von Fatigue betroffen. Doch was ist Fatigue eigentlich und wie kann man damit umgehen? Diese und weitere Fragen erklärt PD Dr. Jens-Ulrich Rüffer, Onkologe und Vorsitzender der Deutschen Fatigue Gesellschaft, im folgenden Interview.

Was versteht man unter Fatigue?
Fatigue bedeutet nichts anderes als Erschöpfung. In der Medizin ist sie ein wichtiger Anhaltspunkt bei der Suche nach Erkrankungen und deren Ursachen. Beispielsweise können Nieren- oder Herzerkrankungen zu Fatigue führen. Die Erschöpfung, mit der sich die Deutsche Fatigue-Gesellschaft beschäftigt, ist die tumorbedingte Erschöpfung. Sie tritt während und nach einer Krebserkrankung auf. Davon abzugrenzen ist das Chronic-Fatigue-Syndrom (CFS), bei dem keine Tumorerkrankung vorliegt.

Gibt es neue Erkenntnisse zu den Ursachen von Fatigue?
Fatigue ist ein Phänomen, das nicht einfach zu erklären und für Patienten sehr belastend ist. Um die Frage nach den Ursachen zu klären, gibt es verschiedenste Untersuchungen und Ansätze: von Muskelbiopsien bis hin zu verhaltenstherapeutischen Aspekten. Noch gibt es allerdings keine bahnbrechendenden Erkenntnisse. Allerdings wächst mittlerweile das Verständnis dafür, dass Fatigue im Zusammenhang mit verschiedenen Erkrankungen steht und unterschiedliche Ursachen haben kann.

Wie häufig ist Fatigue bei Lungenkrebs?
Bei Lungenkrebs ist Fatigue über den gesamten Krankheitsverlauf hinweg nahezu immer ein Thema. In Einzelfällen kann Fatigue auch noch Jahre später auftreten. Das Phänomen ist bei Lungenkrebs nicht so systematisch untersucht wie bei anderen Erkrankungen. Fest steht jedoch: Allein schon durch den Erkrankungsort, nämlich die Lunge, und die dort wirkende Therapie, verändert sich die Lungenfunktion. Das führt bei fast jedem Patienten zu Einschränkungen, eben meist zu Erschöpfung.

Wie lässt sich Fatigue behandeln?
Für Fatigue gibt es bis jetzt noch keine zugelassene medikamentöse Therapie. Neben einer optimalen Lebensführung, wie gesunde Ernährung, Stressmanagement und einer positiven Einstellung, kann eine moderate Bewegungstherapie Wirkung zeigen: Darunter versteht man ein normales körperliches Training. Die allgemeine Bewegungsempfehlung bei Krebserkrankungen lautet: täglich morgens und abends eine halbe Stunde Aktivität. Daran können sich auch Lungenkrebspatienten orientieren. Gerade bei Lungenkrebspatienten kann die Lungenfunktion durch die Erkrankung und die Therapie verschieden stark eingeschränkt sein. Deshalb sollten Patienten entsprechend ihrer individuellen körperlichen Voraussetzungen trainieren und Rücksprache mit dem behandelnden Arzt halten.

Als Training eignen sich verschiedene Aktivitäten: Für den einen ist es Spazierengehen, für den anderen Radfahren, Laufen oder Schwimmen. Wichtig sind Regelmäßigkeit und Kontinuität. Außerdem sollte man nicht zu intensiv trainieren. Das heißt: Nicht außer Atem geraten und nach dem Sport für zehn Minuten außer Gefecht gesetzt sein, sondern sich so bewegen, dass man jederzeit weitermachen kann. Eine weitere Säule bei der Behandlung von Fatigue stellt die psychoonkologische Betreuung dar.

Welche Rolle spielt die Psychoonkologie bei der Behandlung von Fatigue?
Eine psychoonkologische Unterstützung ist bei Fatigue sehr wichtig. Wenn eine Erkrankung wie Lungenkrebs extrem psychisch belastet und Ängste, Probleme und Sorgen auslöst, kann sich diese Belastung auch in Erschöpfung äußern. Da kann eine psychoonkologische Beratung durchaus entlasten. Sie hilft, die Probleme für sich zu sortieren und einen Umgang mit der Erschöpfung zu finden. Dadurch reduziert sich auch die Fatigue.

Was können Fatigue-Betroffene selbst tun?
Als Erstes gilt es, sich mit der Erschöpfung zu beschäftigen und diese nicht zu verdrängen. Betroffene sollten sich eingestehen: „Ja, ich bin erschöpft, ich fühle mich körperlich, geistig und seelisch anders als vor der Erkrankung und dem möchte ich mich stellen. Die Fatigue beeinflusst meine Lebensqualität und es geht mir nicht gut.“ Auch wenn die Krebserkrankung eine Erklärung für die Beschwerden sein kann, sollte man sich fragen, was einen genau belastet und wie man mit der Fatigue umgehen kann. Bei körperlicher Erschöpfung hilft es, Bewegung in den Alltag zu integrieren. Das kann die Belastung reduzieren und die Lebensqualität steigern.

Haben Sie Tipps, wie Angehörige Fatigue-Betroffene bestmöglich unterstützen können?
In erster Linie ist es wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, um ein Verständnis dafür zu entwickeln und Rücksicht zu zeigen. Außerdem sind die Betroffenen gefragt, möglichst frühzeitig mit Familie und Freunden über die Fatigue zu sprechen. Es hilft anzusprechen, dass man nicht mehr so funktioniert wie vorher. Nur dann können diese die Situation nachvollziehen und ihre Erwartungshaltung ändern. Auch Informationen fördern das Verstehen: Zum Beispiel können Betroffene Informationsbroschüren weitergeben oder sich gemeinsam mit nahestehenden Personen den Aufklärungsfilm der Deutschen Krebshilfe ansehen.

Uli Rüffer
KURZPROFIL
PD Dr. Jens Ulrich Rüffer

PD Dr. Jens Ulrich Rüffer ist Humanmediziner und Onkologe. Seine Habilitation beschäftigt sich mit Tumorerkrankungen mit dem Fokus auf Lebensqualität, Langzeittoxititäten und Fatigue von Tumorpatienten. Er war über Jahre Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie (PSO), Vorstandsvorsitzender der Deutschen Fatigue Gesellschaft und der Mitglied der Deutschen Krebsgesellschaft.

Die Deutsche Fatigue Gesellschaft (DFaG) setzt sich zum Ziel, die Ursachen von tumorbedingter Fatigue zu erforschen. Dabei soll ihre Bedeutung für den Krankheitsprozess einer Krebserkrankung der breiten Öffentlichkeit nähergebracht, moderne Behandlungskonzepte entwickelt und deren Nutzen geprüft werden. Sie beabsichtigt außerdem, ein öffentliches Forum für die Krankheit Fatigue und ihre Folgen für den Patienten zu schaffen.